Die Woche in Deutschland – KW40

Ins Offene | Trichter & Schöpfkelle | Kerkeling | Heiße Luft | Ravioli

von Arne Bicker

Was war in der jetzt zu Ende gehenden Woche in Deutschland los? Foto: AB
Was war in der jetzt zu Ende gehenden Woche in Deutschland los? Foto: AB

 

Tag der Deutschen Einheit also. Uns geht es gut. Es gibt Bananen und Käse und Mango-Joghurt, 27 verschiedene Sorten Vollkornnudeln und fast immer auch Toilettenpapier im Supermarkt – und ganz viel gesamtdeutschen Faschismus-Ketchup in den Köpfen. All das gilt, soweit ich informiert bin, auch für die Menschen in Ostdeutschland, die uns vor 37 Jahren zum Familienfest eingeladen hatten und dann von ihren Schwestern und Brüdern aus dem Westen eine Begrüßungswelt erhielten, in der sie wirtschaftlich für 50 Euro pro Nase ausgebeutet wurden. Sie sind bis heute traumatisiert. „Dieser Weg ins Offene war zu keinem Zeitpunkt einfach oder unbeschwerlich“, schreibt die Autorin Jana Hensel. Vor der Zusammenlegung der bis dahin zwei deutschen Länder gab es den Kalten Krieg. Heute gibt es die sogenannten Sozialen Medien und eine sogenannte politische Alternative.

Nun leben wir also alle gemeinsam in einem Land, in dem Milch und Benzin fließen. Wir haben uns inzwischen so etwas wie einen Tankrabatt ausgedacht – ein falscher Name für eine meiner Meinung nach falsche Sache. Es scheint ein Teil unserer Aufgabe als politische Gesellschaft zu sein, vermögende und zum Teil vulgär reiche Steuersparkonzerne und -menschen aufzupäppeln. Bis Dezember haben wir nun Zeit, unsere Swimmingpools mit Benzin oder Diesel zu füllen. Wir bräuchten eine neue Flagge mit Trichter und Schöpfkelle statt Hammer und Sichel.

Einmal Tag der Deutschen Einheit mit Faschismus, bitte: Am Mittwoch gab es im Thüringer Landtag eine öffentliche Anhörung, in der Jurist*innen, sonstige Expert*innen und Prominente über ein mögliches Parteiverbotsverfahren diskutierten. Der Prominente Hape Kerkeling sprach sich dabei sehr ernst, sehr deutlich und sehr begründungsstark für ein Verbot aus, was Rufe nach ihm als künftiger Bundespräsident laut werden ließ, während Verbotskritiker*innen vor einem Eingriff in den demokratischen Wettbewerb warnten. Kerkelings berührende Sieben-Minuten-Rede, hier komplett im Online-Video, ist unbedingt anhörenswert, das empfehle ich sehr. Nur kann man Faschismus in den Köpfen nicht verbieten. Aber vielleicht seine Umsetzung im echten Leben?

Womit ich zu möglichen Steigbügelhaltern für wen auch immer komme. Das „Bündnis Sahra Wagenknecht – BSW“ hat sich am Mittwoch offiziell umbenannt. Der bisherige Name sei eh nur provisorisch gewesen, heißt es nun  rückwärtserklärend aus der Partei. Der neue Name lautet überraschungssparsam „BSW – Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“. Hieße Sahra Wagenknecht nicht Sahra Wagenknecht, sondern zum Beispiel Hertha Bodenspecht, dann hieße die Partei jetzt vielleicht „Bündnis Heißeluft und Bildungsmisere ohne uns“.

Damit komme ich zur ’neurotischen Linken‘ – diese Wortkombination habe ich von Jan Böhmermann in einem Spiegel-Interview gelesen. Und ich finde, sie passt. Während Jürgen Klopp also flachjournalistisch der bessere Friedrich Merz sein könnte, könnte Elif Eralp die große Schwester von Zohran Mamdami sein. Gegner*innen der Linken, auch jene, die gedanklich etwas unterkomplex die drei Reflexbuchstaben „PDS“ auswendig gelernt haben, würden vielleicht das Wort  „Widergängerin“ bevorzugen. Die Berliner Lebenswirklichkeit jedenfalls hat dieser vielleicht sozialsten aller mittelgroßen Parteien einen Geländegewinn samt Shitgewitter beschert. Just in diese Situation kracht eine New Yorker „Top-Ökonomin“ mit ihrem Vorschlag hinein, Preise für Grundnahrungsmittel staatlich zu deckeln, um dem Faschismus Ravioli zu bieten. Da erscheint es mir als ein Gewinn, dass es hier in Deutschland schon um Mieten geht. Endlich mal sind wir den USA in wenigstens einem Punkt voraus.

 

Die Woche in Deutschland (DWiD) ist eine satirische Kurznachrichten-Kuratierung, die unser Autor 2013 erstmals im deutsch-französischen Online-Magazin „Eurojournalist.eu“ eingeführt hat. Hier werden Geschehnisse der zurückliegenden Woche kuratiert und zu berichtenden Medien verlinkt.