Kanalisiert Euch!

Was wir von Serbien lernen könnten

Kommentar

Fotografisch wirkende Illustration eines demokratisch legitimen Aufbruchs in eine lebenswerte, gemeinsame Zukunft durch jene, die sie leben werden. Foto: KI Firefly
Fotografisch wirkende Illustration eines demokratisch legitimen Aufbruchs in eine lebenswerte, gemeinsame Zukunft durch jene, die sie leben werden. Foto: KI Firefly

 

Die Initiative „Gen Z steht auf“ ruft für Samstag, 31. Oktober 2026, zu Protesten in vielen deutschen Städten auf. In Spanien gibt es Demonstrationen gegen die Wohnungsnot und in Frankreich brennen Barrikaden einer aufgebrachten und unzufriedenen Jugend, deren Proteste von gewaltbereiten Straftätern drittverwertet werden, um gewaltsame Kämpfe mit der Polizei und Plünderungen anzuzetteln.

Ziemlich genau 16 Jahre ist es her, dass der 2013 verstorbene Stéphane Hessel seinen vielbeachteten Aufruf „Empört Euch!“ (Indignez-vous!) veröffentlich hat. Inzwischen haben wir mehr als genug Empörung mit oder ohne Algorithmen respektive ordnungszersetzende Trolle allerorten – für eine bessere Zukunft sollten wir nun ins Handeln kommen.

Mit „wir“ meine ich alle Menschen, egal welchen Alters, die sich kein Weiter-So und keinen Faschismus 2.0 wünschen. Im Moment befinden sich viele europäische Länder in einer Phase, die der japanische Philosoph Kohei Saito in seinem Buch „Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“ als „Die Zukunft heißt Faschismus“ beschreibt. Muss das zwangsläufig so kommen?

Junge Menschen haben hierzulande in sehr großer Zahl gegen die Klimawandel-Ignoranz gekämpft. Inzwischen ist das 1,5-Grad-Ziel gefallen. Wir steuern auf 2,8 Grad Erderwärmung zu, mit fatalen Folgen, die wir alle jetzt schon deutlich spüren und erkennen. Und fest steht schon jetzt: Es wird noch viel schlimmer. Weder politisch noch gesellschaftlich unternehmen wir genug dagegen, weil wir ja alle weiteres Wachstum und zunehmenden Wohlstand bei zunehmend ungleicher Verteilung wollen, egal um welchen Preis.

Wirklich, wollen wir alle das?

Gutgehen kann das absehbarerweise nicht. Soziale Gerechtigkeit, zum Beispiel in Form von mehr bezahlbaren Wohnungen und sinnstiftender Wohlstandsverteilung sowie Klimawandel-Bekämpfung durch eine konsequente  Energiewende, einen schonenden Umgang mit Ressourcen und mehr gemeinwohlorientierten Ausgleich kann es ohne einschneidende Änderungen und eine nachhaltigere Zukunftspolitik nicht geben. Das gilt es zu begreifen, zu verinnerlichen. Die Jugend hat das getan. Sie schreit, geplagt von begründeten Zukunftsängsten, auf und protestiert.

Und recht hat sie.

Protestierende in Serbien haben derweil parallel zur Straße eine politische Bewegung ins Leben gerufen, eine Partei, die „Studentenliste“. Diese tritt am kommenden Sonntag, 25. Oktober, mit politisch unabhängigen Kandidierenden gegen eine als korrupt geltende Regierung an. Und dieser Studentenliste werden gute Chancen zumindest für ein offenes Rennen vorausgesagt.

Wäre das nicht auch ein gutes Rezept für Spanien, für Frankreich, für Deutschland? Anstatt sich in potenziell folgenlosen (siehe die Klima-Proteste) und kriminell gekaperten Straßenkämpfen aufzureiben, könnten Bewegungen die demokratisch vorgesehenen Mittel ergreifen und eine Liste oder Partei aufstellen, um mit dieser gegen abgelehnte Zustände politisch, legal und zukunftsorientiert aufzustehen. Und das, siehe Serbien, sogar innerhalb kürzester Zeit.

Natürlich zeigt die Erfahrung, das Menschen, die eine Parteikarriere anstreben, einen, sagen wir, flexiblen Charakter benötigen. Und das auch eine politische Partei gekapert werden kann. Und es gibt noch viele weitere Faktoren, die abschrecken können. Aber sind Faschismus oder potenziell folgenlose Straßenproteste wirklich eine Lösung?

Wenn unbeliebte Präsidenten gehen oder gehen müssen, ist das wirklich nachhaltig befriedigend für jene, die deren Haltung und Agieren ablehnen? Wir sollten dringend die Frage nach den Nachfolgenden schon vorher in den Blick nehmen. Und damit die Frage beleuchten, um wie viel sich missliebige Zustände dann möglicherweise bessern werden.

Noch sind die Unter-45-Jährigen in Deutschland nicht in der Mehrzahl. Eine nicht bereits parteipolitisch vorhandene, politische Stimme könnte diese Gruppe, die die mittlere bis ferne Zukunft lebenswert gestalten möchte, dennoch entwickeln. Mit jedem Jahr könnte ihr Gewicht aus demographischer Sicht steigen. Wer sich eine andere politische, legitime und werthaltige Windhose als die vorherrschende wünscht, wem der Wahlzettel nicht reicht, könnte sich, so mühsam das auch ist, demokratisch organisieren und zur Veränderung antreten.

Wann, wenn nicht jetzt?