Kolumne: Eine Momentaufnahme am Samstagmittag

Eigentlich wollte ich gerade meine Küchenschränke putzen. Aber dann kam mir diese Kolumne dazwischen – es gibt Texte, die dulden keinen Aufschub, die müssen geschrieben werden, sofort. Kennen Sie das, vielleicht vom Einkaufszettel? Und kennen Sie Martin Machowecz?
Laut Wikipedia ist der Mann 38 Jahre alt und seit 2023 einer von sechs stellvertretenden Chefredakteur*innen der ZEIT. Und er ist wohl auch der Nachfolger von Harald Martenstein als Verfasser der wöchentlichen Kolumne im ZEIT-Magazin.
Den aktuellen Text „Warum ich manchmal tief in der Nacht aufschrecke“ habe ich heute gelesen. Ich möchte ihn hier unbedingt weiterempfehlen, denn ich habe den Text genossen, mich köstlich amüsiert und bestens unterhalten gefühlt.
OK, das mag vielleicht auch an dem geringen Anspruch gelegen haben, den ich hatte. Die Kolumnen des Vorgängers haben mir nichts gesagt. Ich fand sie zumeist weder witzig noch informativ, noch unterhaltsam. Herr Martenstein mag mir das verzeihen, denn er wurde jahrzehntelang dermaßen mit Lob überschüttet, geehrt und gehuldigt, dass diese meine kleine Gegenmeinung das Körpergewicht an Gold auf seiner Seite der Waage nicht aus dem Konzept bringen kann.
Andersrum wäre das ganz anders. Würde Herr Martenstein diese meine Kritik lesen und mich darob in den Bann eines Ein-Mann-Shitstorms schlagen, so bräche meine Welt zusammen. Gelobt wurde ich für diese Kolumne schließlich noch nie. Gut, ich schreibe sie ja gerade erst. Aber gelobt wurde ich seit einer Zwei-Plus für einen Deutsch-Aufsatz in der siebten Klasse gefühlt überhaupt noch nie. Das ist weniger als ein Sechzehntel Atom an Goldstaub.
Zu meiner Entschuldigung führe ich an, dass der Genuss unterhaltender Zeitgeisttexte eine sogenannte Geschmackssache ist. Die eine mag’s, der andere nicht. Sozialisation, Humor, Weltsicht spielen da eine Rolle, Haustiere, Essensvorlieben und Lieblingssportarten vielleicht auch. Viele Menschen in meinem Umfeld dachten und denken allerdings, Herr Martenstein sei da außen vor. Ich nicht. Und dabei ging es nicht nur um seine Kolumnen, die ich ja einfach nicht lesen konnte, was ich auch ausgiebig tat.
Ich bekam aber auch Bücher von ihm zum Geburtstag geschenkt, weil Leute dachten, Journalist, mag Satire und gute Texte, das schenken wir ihm, da wird er sich aber freuen. Tat er nicht.
Im ZEIT-Magazin der Ausgabe #04 vom 25. Januar 2026 wurde Herr Martenstein als Kolumnist verabschiedet wie der Schah von Persien: Ein etwa zwölf Seiten langer Text mit variationslosen Riesenfotos (ja, doppeldeutig, ist mir klar) katapultierten den mehrfach preisgekrönten Kolumnisten in eine sphärische Umlaufbahn, aus der ihn dann schon im Februar eine namhafte Boulevardzeitung wieder herausfischte. Was er dort nun schreibt, weiß ich nicht, das gebe ich zu.
Als ich heute Mittag nach der für mich persönlich so genussvollen Lektüre der Machowecz-Kolumne eine Bekannte fragte, ob sie diese auch gelesen habe, meinte sie, nein, das sei doch der Martenstein-Nachfolger, das lese sie nicht. Das erschien mir in etwa so, als erklärten mir Menschen, die über geringen Geldbesitz, kleines Einkommen und Wohnungsnot jammern, während das Land punktuell an Reichtum erstickt, sie wählten nicht Die Linke, weil das ja die PDS, wahlweise auch die SED sei.
Man muss doch differenzieren, möchte ich da rufen, und Nachteile gegen eventuelle Vorteile und nicht gegen Vorurteile abwägen und überhaupt dringend die Faschisten ignorieren. Wer also das ZEIT-Magazin nicht liest, weil sie oder er die Martenstein-Texte nicht mag (ich kenne niemanden, außer der oben erwähnten Bekannten) oder weil einem dort geradezu sündhaft teure Möbel und Schreibtischlampen und Weine neben Gucci-Anzeigen offeriert werden, die oder der könnte jetzt vielleicht wieder einen Grund zur Lektüre haben.
Eigentlich ganz schön clever von der ZEIT. Ich jedenfalls fiebere nach der heutigen Momentaufnahme dem nächsten ZEIT-Magazin entgegen – eine Persönlichkeitsentwicklung, die ich bis vor kurzen nicht für möglich hielt.





