Bierboobsbrezn | Weisheitsteller | Spritbewohner*innen | Gerechtigkeit | Schaumschläger*innen | Ego-Shooter*innen
von Arne Bicker

Fangen wir doch hiermit an: Zum ersten Mal in der fast 15.000-jährigen Geschichte des Münchner Oktoberfestes haben FLINTA-Personen in diesem Jahr eine explizit queere Zeltparty gefeiert. Das Motto lautete demnach bayerisch-handfest „Bier, Boobs, Brezn“. Besser als „Es jodelt in der Dirndlhose“ ist das. Bei einem massgeschneiderten Bierpreis zwischen 14,80 Euro und 15,90 Euro war das Fest für die weniger einkommensstarken FLINTAs auch so schon deftig.
Das Portal „Forschung und Wissen“ präsentierte derweil fünf weitere „Schlüssel zum Glück„. Besonders zufrieden seien Menschen der störgrößenbereinigten Studie zufolge vor allem dort, wo sie sich frei entfalten, ihre Grundbedürfnisse sichern und in Institutionen vertrauen könnten; wo Bildung, Rechtsstaatlichkeit und enge soziale Beziehungen wichtige Rollen spielten. Die Ergebnisse dieser Befragung von 97.220 Menschen aus 66 Ländern zu über 200 Einflussgrößen auf das Wohlbefinden überrascht kein bisschen. Es könnte indes nicht schaden, diese Ergebnisse sicherheitshalber auf einen Bronzeteller mit zwei Metern Durchmesser tätowieren zu lassen diesen mit den nächsten Wahlbenachrichtigungen als Anti-Demokratiegrabbeigabe mitzuverschicken.
Würde eigentlich unsere Regierung die FDP wählen, wenn sie könnte? Jedenfalls haben wir seit Freitag wieder eine Spritkostenbezuschussung durch eine Steuersenkung. Das Wort „Rabatt“ als Preisnachlass eines Unternehmens gegenüber seinen Kunden verbietet sich hier. Der Steuernachlass auf den Staatsdeckel gilt von Oktober bis Dezember dieses Jahres. Und dann? Die in meinen Augen vernünftigeren Maßnahmen Übergewinnsteuer und Spritpreisdeckel wurden vom Tisch gewischt. Glaubt unsere Regierung wirklich, wir würden nicht verstehen, dass diese Regelung am stärksten unseren hubraumstarken Spritbewohner*innen und der Mineralölindustrie zugute kommt, die uns mit Science-Fiction-Preisen zugunsten ihrer Milliardengewinne dauerabkocht?
Nachdem die Kanzlerpartei zumindest in einem Bundesland hopplaisiert wurde, nahm der Vom-Tisch-Wischer 16 Monate nach seinem Amtsantritt, ich vermute in einem Akt blanker Verzweiflung, das Wort, Zitat: „Gerechtigkeit“ in den Mund. Und seine Regierung, die erklärtermaßen nicht genug Geld hat, um unsere Steuern zu verschenken, die mit einer offensichtlichen Gaslobbyistin in ihren Reihen die überfällige Energiewende ausbremst, spart an Sozialkosten, was vor allem zu Lasten der weniger gut situierten Menschen im Land geht. Und das ist – psst, nicht weitersagen – eine große Mehrzahl.
Wie kann man diese Regierung als Nicht-Millionär mögen, wie ihr Kompetenz und eine starke Zukunftsentwicklung im Sinne aller attestieren? Leider gilt gerade: Wer die Regierung kritisiert, unterstützt damit indirekt die Faschisten. Aber soll oder muss man deshalb die Regierung starkreden oder schönschreiben? Sollte der Kanzler abgetreten werden – wer folgt ihm dann? Wieder jemand, die oder der einfach so weitermacht? Oder bräche dann ein Chaos aus, wovon wieder die faschistischen Kräfte profitieren würden? Wir stecken in einem selbsteingebrockten Dilemma. Wir brauchen dringend mehr neutrale, der Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl verpflichtete Regierungskompetenz. Oder, wie es „correctiv“ in dieser Woche formulierte: „Echte Menschen in der Politik gesucht“. Statt selbstverliebter Schaumschläger? Und damit diese Kritik hier nicht im freien Raum so stehen bleibt, schreibe ich auch vier konstruktive Vorschläge auf: Macht Maja Göpel zur Kanzlerin, Volker Quaschning zum Wirtschaftsminister, lasst eine Bernhard-Pörksen-Kommission die Öffentlich-Rechtlichen reformieren und wählt Matthias Brandt zum Bundespräsidenten. Wir haben so gute Leute.
Damit komme ich zur Nationalelf. Unser neuer Einer-von-83-Millionen-Mann Jürgen Klopp (knapp zehn Cent Honorar je Bundesbürger*in und Jahr) hat am Donnerstagabend erstmals die Nationalmannschaft zu einem glücklichen 1:1 in den Niederlanden dirigiert. Der charismatische Potenzialoptimierer hat ein paar gute neue Ideen ins Gesamtkonzept gemischt und sportlich zunächst nicht alle, aber ein paar Schwächen aus dem staubigen Flickenteppich gekloppt. So musste zwar der derzeit vielleicht beste Innenverteidiger Deutschlands von Freiburg aus zuschauen, während ein anderer Freiburger zeigte, mit welch tiefschürfender Ahnungslosigkeit Klopps Vorgänger die rechte Flanke besetzt hatte. Für jeden Nationaltrainer gilt: Lasst ihn machen. Und für uns 83 Millionen geistige Ego-Shooter*innen gilt: Wir müssen nicht immer gleich Weltmeister werden. Und wir können es derzeit auch gar nicht. Also Augen auf und durch. Spaß haben können wir trotzdem. Am Sonntag rennt uns immerhin der Weltranglisten-Sechsundvierzigste Griechenland in die Ballflimmerkiste. Εμπρός, πάμε!
Die Woche in Deutschland (DWiD) ist eine satirische Kurznachrichten-Kuratierung, die unser Autor 2013 erstmals im deutsch-französischen Online-Magazin „Eurojournalist.eu“ eingeführt hat. Hier werden Geschehnisse der zurückliegenden Woche kuratiert und zu berichtenden Medien verlinkt.




