Kolumne: Momentaufnahmen von Sofa-Landschaften

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle eine Jubelarie hingeschrieben über die Kolumne des ZEIT-Magazins von Martin Machowecz („Warum ich manchmal tief in der Nacht aufschrecke“ / #47 vom 29. Oktober 2026). Die ist sensationell gut – ich bleibe dabei. Inzwischen habe ich auch die neueste und die beiden ersten davor gelesen. Ganz nett.
Dafür sind mir in der Momentaufnahme meines hoffentlich bald verglühenden ZEIT-Magazin-Fetischs ganz andere Momentaufnahmen in den Blick gerückt: Jene von riesigen Sofas in turnhallengroßen Wohnzimmern.
Die aktuelle ZEIT-Kolumne „Warum ich von der Polizei träume“ von Herrn Machowecz erreicht man nach einer Anzeigenseite von LUMAS, einer Doppel-Anzeigenseite von CHANEL und einer Doppel-Anzeigenseite von Minotti. Was mir an anderen Anzeigen in den von mir durchblätterten Ausgaben des ZEIT-Magazins so richtig ins Auge gefallen ist, sind großformatige Werbungen für großformatige Sofas in großformatigen Wohnzimmern vor dem Hintergrund einer großformatigen Natur, die man durch großformatige Fenster sehen kann.
Meist steht oder sitzt noch ein weibliches Fotomodel in oder neben der Sofa-Landschaft herum und schaut streng. Grundsätzlich sind die Decken der Räume vier bis fünfundzwanzig Meter hoch, und es gibt die eine oder andere Regalwand mit vasig-bibliophil-magazinischen Inhalten, perfekt arrangiert.
Was man angesichts dieser Anzeigen nicht tun darf: Sich fragen, wie hoch wohl die Heizkosten für solche über 120 Quadratmeter große Wohnzimmer mit irrsinnig hohen Decken sind. Wie das dazugehörige Badezimmer wohl aussieht, beziehungsweise, wie viele davon es in dem Haus gibt. Warum diese Häuser immer am Rande einer unberührten Natur stehen. Warum man selbst in solch einem Wohnzimmer und solch einem Haus leben möchte.
Worauf das jeweilige weibliche Fotomodell dort wohl wartet, ob das James Bond sein könnte, und wie lange es wohl dauert und wie viele Farbeimer es brauchen würde, um die Wände in einem anderen Pastell- oder Nacktbetonton zu streichen. Wie groß eine Familie sein muss, dieses Sofa zu füllen. Wie viel typische ZEIT-Lesende sich ernsthaft für diese Sofas interessieren. Und warum grundsätzlich vor dem Sofa, zumindest innerhalb von zehn Metern, kein Fernseher steht. Wie das Haus um das Wohnzimmer drumherum aussieht, und wo es stehen könnte.
Diese Fragen führen zu einem das Hirn erweichenden Verwirrungsexzess – so lautet hier meine fürsorgliche Triggerwarnung. Also stellen Sie sich diese Fragen bitte nicht; ich habe mich bereits geopfert. Therapieplätze sind ja derzeit kaum zu bekommen, und man darf sich nicht zu viele Fragen stellen, deren Antworten man nicht kennen kann. Sonst dreht man völlig durch.
Ob es wohl Therapeuten gibt, die in solchen Zimmern ihre Patienten behandeln? Ob die auch Kassenpatienten annehmen? Und ob das vielleicht gar kein Fotomodell ist, sondern eine Sprechstundenhilfe, die auf den nächsten journalistischen Patienten wartet, um ihn in dem Sofa abzulegen und die Stelle für den zeitnah eintretenden Therapeuten mit einer kleinen, dreieckigen Fahne mit einem weißen Äskulapstab auf rotem Grund am Ende einer dünnen Stange zu markieren?




